Pferde gesund anweiden

von Rebecca Nickel

Pferde gesund anweiden

Mit der Zeitumstellung beginnt meistens auch die Zeit des Anweidens. Jedoch sollte das Anweiden sehr vorsichtig und in nur kurzen Etappen erfolgen. Wir haben für euch die wichtigsten Grundlagen zusammen gefasst, damit auch euer Pferd die Weidesaison gesund und munter genießen kann.

I. Die Eingewöhnung

In den meisten Reitställen sind die Weiden und Wiesen über die Wintermonate gesperrt. Den Pferden steht dementsprechend nur strukturreiches Futter in Form von Stroh und Heu zur Verfügung. Saftfutter beschränkt sich meist auf Äpfel und Möhren. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen, die ganzjährig auf der Weide gehalten werden, müssen diese Pferde behutsam an das frische Gras gewöhnt werden. Die Umstellung von reiner Heu- und Strohfütterung auf frisches Weidegras ist aus ernährungsphysiologischer Sicht eine kritische Zeit, da sich der gesamte Organismus und Verdauungstrakt der Pferde erst an die neue Fütterung gewöhnen muss. Die im Darm lebenden Bakterien, die die Verdauung von Gras gewährleisten,  sind über die Winterzeit meist so stark dezimiert, dass ein behutsames Anweiden unerlässlich für die Gesunderhaltung des Pferdes ist.

  

II. Übergang zur Weidezeit

Gerade beim Übergang von der Stall- bzw. Paddockhaltung zur Weidezeit werden häufig Fütterungsfehler begangen und es kommt zu Problematiken im Verdauungstrakt der Pferde. Das Dickdarmsystem verträgt keine plötzliche Futterumstellung und ist auf strukturierte Rohfaser angewiesen. Ein Mangel an Rohfaser kann zu Fehlgärungen im Dickdarm führen, woraus im schlimmsten Fall das Absterben der Dickdarmflora resultieren kann – Hufrehe sind die Folge. Was früher nur auf einen Eiweißüberschuss zurückzuführen war, wird mittlerweile mit einer geringen Rohfasermenge, einem hohen Gehalt an Kohlenhydraten und einer hoher Menge an Fruktan in Verbindung gebracht.

III. Vorsichtig Anweiden

Der Fruktangehalt ist besonders zu Beginn des Graswachstums (April/Mai) und auch zum Ende (September/Oktober) besonders hoch. Dies liegt zum einen daran, dass der Gehalt bei niedrigen Temperaturen steigt und zum anderen, weil das Gras noch sehr kurz ist und die Pferde so in geringeren Grasmengen dennoch eine größere Menge an Fruktan aufnehmen. Also Faustregel gilt deshalb, erst mit dem Anweiden beginnen, wenn das Gras ca. 20cm hoch gewachsen ist. Aber auch die Tageszeit spielt eine entscheidende Rolle: Da die Nächte zu Beginn der Weidezeit noch recht kühl sind, ist auch der Fruktangehalt morgens deutlich erhöht. Aus diesem Grund sollte das Anweiden in den ersten Tagen erst ab Mittag begonnen werden und sich so langsam steigern, bis auch kurze Intervalle in den Morgenstunden eingebunden werden. So kann sich das Pferd optimal an die erhöhten Fruktan, Eiweiß und Kohlenhydratmengen gewöhnen, ohne gesundheitliche Schäden davon zu tragen. Im Normalfall sollte das Anweiden über drei bis vier Wochen stattfinden, um dem Pferd den Übergang so angenehm, wie möglich zu gestalten. Die meisten Pferde sind im Frühling zwar sehr gierig auf das frische Grün und meistens nicht besonders begeistert, wenn man sie nach nur 20 Minuten wieder von der Weide holt, aber es ist doch eine wichtige Maßnahme, um gerade auch Risiko anfällige Rassen und Pferdetypen nicht zu gefährden. Hilfreich beim Anweidemanagement kann ein vorher festgelegter Plan sein, in dem Tageszeit und Zeitintervall genau vermerkt sind:

Tag

Tageszeit

Zeitintervall

1 - 2

mittags

15-20 Minuten

3 - 5

mittags

30 Minuten

6 - 8

mittags

45 Minuten

9 - 11

Mittags/nachmittags

60 Minuten

12 - 14

morgens

20 Minuten

 

mittags/nachmittags

1 ½ Stunden

15 - 17

morgens

30 – 45 Minuten

 

Mittags/nachmittags

2 Stunden

18 - 21

morgens

1 – 1 ½ Stunden

 

Mittags/nachmittags

3 Stunden

Ab der vierten Woche

ganztags

4 Stunden (täglich verlängern)

 

Tipp:Das erste Anweiden erfolgt üblicherweise an der Hand. Da die meisten Pferdehalter aber keine Lust haben, ihr Pferd 45 Minuten oder länger an der Hand anweiden zu lassen, kann man sich untereinander auch zusammen tun und die Pferde gemeinsam auf der Wiese anweiden lassen. Hierbei kann eine übliche Parkuhr an das Weidetor gehängt werden, wo die ‚Ankunftszeit‘ der Pferde vermerkt ist. Die einzelnen Pferdebesitzer können nun genau ablesen, seit wann das eigene Pferd auf der Wiese steht und dieses nach Ablauf der Zeit gegebenenfalls reinholen.

Hilfe bei empfindlichen Pferden – Kotwasser, Durchfall und Koliken vorbeugen

Für viele Pferde stellt die beginnende Weidesaison eine enorme Umstellung dar, die sich meist auf den Verdauungstrakt auswirkt. Folgen von zu schnellem Anweiden können sich deshalb schnell durch  Durchfall oder Kotwasser äußern. Als Unterstützung für den empfindlichen Magen-Darm-Trakt der Pferde können spezielle Zusatzfuttermittel angeboten werden. Bei diesen handelt es sich meist um eine Zusammenstellung von verschiedenen Kräutern, die einen positiven Einfluss auf den Verdauungstrakt haben. Auch bestimmte Hefekulturen können das Bakterienwachstum im Darm positiv beeinflussen, was wiederum eine bessere Verdauung des Grases begünstigt. Damit das Pferd gerade in den ersten Tagen des Anweidens nicht zu gierig ist, wird eine vorherige Fütterung mit Heu und Stroh empfohlen.

  

IV. Risikorassen und Pferdetypen

Grundsätzlich kann jedes Pferd an Hufrehe oder anderen Stoffwechselerkrankungen, die durch eine zu hohe Aufnahme von Fruktan, Kohlenhydraten und Eiweiß bedingt sind, erkranken. Einige Pferderassen und Typen sind allerdings gefährdeter als andere. Vollblüter und Warmblüter haben meist keine oder nur wenige Probleme mit der Fütterungsumstellung in der Weidezeit. Pferderassen hingegen, die evolutionsbedingt an eine magere Vegetation gewöhnt sind, müssen noch behutsamer angeweidet werden. Zu diesen Risikorassen gehören zum Beispiel Isländer und Paso Finos. Ein weiterer Aspekt stellt das Gewicht dar: So hat ein bereits übergewichtiges Pony ein erhöhtes Gefährdungspotential an etwaigen Stoffwechselerkrankungen zu erkranken. Nützlich ist in solchen Fällen zum Beispiel ein begrenzter Zugang zur Koppel oder Weidegang mit Fressbremse. Auch die Tageszeit ist entscheidend: Risikopferde sollte dementsprechend nur über den Mittag auf die Weide gebracht werden, da zu dieser Zeit der Fruktangehalt am niedrigsten ist. Ein weiterer Faktor stellt die ausreichende Bewegung dar: Der aufgenommene Zucker wird in Energie umgewandelt, die im besten Fall in Form von Bewegung abgebaut werden sollte. Gerade gefährdete Pferde und Ponys sollten über die Weidesaison ausreichend bewegt werden.

- Tipps zum optimalen Anweiden:

  • Die Pferde langsam an das frische Gras gewöhnen und die Zeitspanne allmählich erhöhen
  • Pferde vor dem Weidegang füttern
  • Die Morgenstunden meiden, da zu dieser Zeit der Fruktangehalt am höchsten ist
  • Für ausreichend Mineralstoffe sorgen
  • Pferde vor dem ersten, freien Weidegang aufwärmen
  • Genügend Frischwasser zur Verfügung stellen
Rebecca Nickel
Rebecca Nickel



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